27 March 2015

Todeskampf von Ada Kaleh



In jüngster Zeit hat die rumänische Zeitung Adevarul Ibrahim Medjis öfters Fotos über die letzte Zeitepoche der Insel Ada Kaleh veröffentlicht. Diese Bilder sind wie der Niedergang der Insel sehr deprimierend. Arbeiter, Soldaten stehen zwischen den abgerissenen Gebäuden, von denen sie alle Baustoffe gewonnen haben. Ausgeplünderten Gebäude, gähnende Leere der Fensterlosen Öffnungen starren auf die verlassenen Straßen. Die Türken verschwanden samt Rosenmarmelade, Pfeife und Turban. Die Friedhöfe wurden ausgegraben und in einem Massengrab „entsorgt”. Jahrhunderte alte Häuser wurden abgerissen, bevor die Flut alles verschlungen hat. Wir haben es geschafft, eine ungarischsprachige Inselbewohnerin zu kontaktieren. Als Kind verbrachte Adele Geafer ihre Sommer auf der Insel und hat für uns ihren letzten Besuch im Jahr 1967 verewigt.


Das genaue Datum der Überflutung konnte nicht erruiert werden. Das Wasserkraftwerk Eiserne Tor I. wurde 1972 in Betrieb gesetzt, aber die Überflutung dürfte bereits früher begonnen haben. Die Bilder zeigen den Prozess der Zerstörung von Häusern, bis an den Punkt, an dem von einer Insel kaum mehr was zu sehen war. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass einige der Bilder 1971, während die letzten 1972 fotografiert wurden.




Vor der Zerstörung wurde die Insel von einem archäologischen Team systematisch durchforscht und zusammen mit der Bevölkerung wurden alle wertvollen Andenken auf die Simian Insel flussabwärts unterhalb dem Kraftwerk evakuiert. Es blieben nur die Ruinen auf der Insel, obwohl ich denke, wenn die Beine gehabt hätten, so wären auch diese nicht geblieben. 

In den letzten Jahren vor dem Abbruch haben die Studenten der Ion Mincu Universität alle Gebäude abgezeichnet. Es war ein großer Glücksfall, dass der Enkel eines ehemaligen Studenten diese Zeichnungen digitalisiert hat und an den Donauinseln Blog schickte. Bis jetzt waren diese Zeichnungen die letzten Andenken an die Insel. Doch zum Glück sind mehrere Aufnahmen aus Medji Ibrahims Fotoalbum aus späteren Zeiten dazugekommen.


In den Zeichnungen sind viele Gebäude bereits in Schutt und Asche zu sehen, aber einige konnten schwehrlich noch identifiziert werden. Viele Steine der österreichischen Festung wurde größtenteils auf die Simian Insel übertragen, sowie auch, der aus dem Franziskaner-Kloster umgewandelten Moschee. Der riesige Teppich kam in die Moschee von Constanta.

Jetzt folgt Adeles Beschreibung über ihren letzten Besuch, die wird diese schwarzweiss Fotos mit Inhalt füllen.



Ada-Kaleh, die zauberhafte Insel

Mein Name ist Adele Geafer Gülşen, meine Mutter war tschechisch-ungarische-Abstammung. Mein Vater war Deutschtürke. So haben wir in der Familie, anchmal ungarisch, manchmal auch in deutsch gesprochen. Die Männer haben sich in türkisch unterhalten. In unserer Familie war sowohl die katholische, als auch die lutheranische und muslimische Religion anwesend. 1967 besuchte ich ein letzte Mal die Insel. In jenem Sommer konnte ich nur eine kurze Zeit auf der Ada-Kaleh verbringen. Vom Bahnhof Orsova musste meine Mutter und ich drei km zu Fuß gehen, weil die Haltestelle bei der Insel nicht immer bedient wurde. Auf der Höhe der Insel angekommen, riefen wir dem Bootsmann rüber: Yusuf! Er ruderte zu uns ans Ufer, um uns mitzunehmen. Yusuf war ein knochendürrer, muskulöser, stark gebräunter, altersloser Mann. Ich fand Yusuf sah immer gleich alt aus. Als das Boot losfuhr klopfte mein Herz heftig. Ich nahm meine Augen nicht mehr von der Insel, wie wenn ich nach einem Bekannten Ausschau halte. Schon vom weiter bemerkte ich, dass die Insel nicht mehr so ausschaut wie ich mich gewohnt war. Sie wirkte sehr kahl auf mich. Wo sind die Bäume? Als wir landeten, erschreckte mich der Anblick sehr. Die riesigen Bäume waren bis zum Strunk abgeschnitten. Vom Landesteg aus konnte man durch den Park auf die andere Seite der Insel sehen. Was für eine vandale Zerstörung, dachte ich. 

Die Großmutter mütterlicherseits lebte in der Nähe des Bootshafens. Unterwegs zu ihrem Haus, ballte sich mein Magen durch die Wut, vor dem Anblick der Zerstörung. Ich konnte es nicht fassen. Voriges Jahr war die Insel noch sehr belebt. Nun wirkte alles so gespenstig auf mich. Damals führte meine Grossmutter Lőcsey Gizella noch die Buchhandlung und Papeterie. Nun kümmert sie sich nur noch um den Wegzug. Aus dem großen Haus konnte sie nur wenig mitnehmen. Ihr wurde in Timisoara (Temeswar) nur eine kleine Einzimmerwohnung zugeteilt. Als sie und mein Großvater noch jung waren, lebten sie in Cluj/Klausenburg. Sie hatten das Haus auf der Insel als Ferienhaus gekauft. Später, nach dem zweiten Weltkrieg zogen sie für immer hierher. 

Von meiner Oma konnte ich erfahren, daß meine Großeltern väterlicherseits bereits umgezogen sind. Sie mussten mitansehen wie das Haus von Panzer zerstört wurde, und dabei wurde diese Aktion auch noch gefilmt eine Großeltern bekamen statt dessen ein Haus vor dem Strand, wo die Besitzer bereits früher in die Türkei ausgewandert waren. Mein Opa väterlicherseits war ein Türke, Geafer Iliyas, die Oma, Novi Anna, eine siebenbürgisch-sächsische Frau. Nun wollte ich auch sie besuchen. Da sie früher auf der anderen Seite der Insel gelebt haben, nun aber am Strand wohnten war das ein viel kürzer Weg. Als ich dort ankam, lagen sie im Bett. Sie waren zwar schon über siebzig, doch hatte man Ihnen die Lebensaufgabe genommen. Oma sagte traurig, wenn sie schon von Ada-Kaleh gehen muss, dann will ich zurück ins Mutterland, nach Deutschland. Auf der Insel gab es keine Polizei, kein Arzt, und kein Lebensmittelgeschäft mehr. Mein Vater ging täglich zu ihnen aus Orsova, brachte ihnen Brot und alles, was sie brauchten, damit sie diese schwierige Zeiten überstanden. Mit Gepäck umgeben warteten sie nur noch auf ihren Pass. 



Als ich sie verließ, hatte ich die Absicht, das zerstörte Haus zu besichtigen, wo ich die schönsten Jahre meiner Kindheit verbrachte hatte. Nach ein paar Schritten stockte ich. Ich wollte die Stelle des zerstörten Hauses nicht mehr sehen, ich hatte meine Meinung geändert und setzte mich nachdenklich an den Strand. Dann schloss ich die Augen und die Gedanken hingen an meinen Jugendjahren. So trat ich durch das gewölbte Tor wie ich das immer getan hab. Ich ging entlang des rosengesäumten Pfades, atmete ihren süssen Duft....weiter zu meinen Lieblingsobstbäumen und unser Hund klebte immer an meinen Beinen...am Donauufer kletterte ich auf den Walnussbaum mein Ausguck. Ich tastete im Gedanken das ganze Ufer ab... die Strasse... dachte nach wer in welchem Haus gewohnt hat…
Auf dem Nussbaum hockte ich sehr oft, es war mein Stammplatz, dort konnte ich ruhig vor mich hin träumen. Wenn aber vom Weitem das Schiffshorn dröhnte, ja dann kletterte ich schnell herunter. Ich wollte sehen, ob das Schiff an der Insel anlegte. Es gehörte auch zu meinen Aufgaben meinem Opa im Verkauf zu helfen. Die Ankunft von Touristen gab dem Opa immer die Gelegenheit etwas zu verdienen. So bot er in grossen Körben in Sirup eingelegte Feigen oder Rosenblüten an natürlich Hausgemacht. Ich hatte die Hektik der Touristen sehr gerne. Ich verblüffte die Touristen immer wieder mit meinen Sprachkenntnissen. Zu ihrer großen Verwunderung bot ich immer wieder Führungen an, mal auf Ungarisch, mal auf Deutsch, damit sie sich in den Kasematten nicht verlaufen. Zur Belohnung wurde ich ins Café auf ein Sorbet oder Braga eingeladen. Das ist ein Erfrischungsgetränk das aus Mais hergestellt wird. 
     
     
Der Opa hatte früher einen Bazar, in welchem er verschiedene Souveniers unter anderm auch Glasbilder, verkaufte. Ein Geschäft auf der Insel war nicht so einfach zu führen. Man war zu sehr auf die Touristen angewiesen. Blieben diese aus, war man schnell in finanziellen Schwierigkeiten. Mit Miskin Baba hatten die Inselbewohner einen eigenen Heiligen. Zu Lebzeiten hatte er viele Wunder vollbracht. Wer zu seinem Grabe ging konnte Ihn auch um Rat fragen. Mein Opa wollte wegen seinen finanziellen Schwierigkeiten auch einen Rat. Er ging zu seinem Grab, nahm ein wenig Erde tat diese in ein Segeltuchbeutel, und legte diesen unter sein Kopfkissen. 
   
Im Traum erschien ihm Miskin Baba und sagte: „Packe einen Koffer voll mit Glasbildern und fahr damit nach Craiova. Dort bekommst du gutes Geld dafür.” Opa tat wie ihm geheissen. In Craiova angekommen, suchte er sich zuerst ein Hotel. Wer stand hinter dem Empfangspult? Ein guter Bekannter aus Ada Kaleh. Bei der grossen Wiedersehensfreude, erzählte Opa seine Geschichte. Der Bekannte liess sofort einige Glasbilder auf den Tresen stellen, damit die Gäste die Glasbilder sehen können. Kaum war Opa auf seinem Hotelzimmer, er hatte noch nicht einmal richtig den Koffer ausgepackt, rief ihn der Portier an, dass er noch mehr Bilder bringen soll, weil die Damen kaufen diese, wie die Pralinen. Das Geschäft lief so gut, dass er der Oma telegraphierte, sie soll noch einen weiteren Koffer Bilder schicken. Der Traum Miskin Baba brachte viel Arbeit und Verdienst auf die Insel. Sogar die Frauen mussten mithelfen. 


   
Meine Gedanken waren wieder in der Gegenwart. Ich stand auf und ging zurück. Ich wollte aber den zerstörten Schauplatz der Kindheit nicht sehen. So änderte ich die Richtung, ging durch eine der Kasamatten ins Zentrum. Die Erinnerunen waren überall. Eine schmale Straße führte zur Schule, welche auf eine Kasematte errichtet wurde. Der Unterricht war in rumänischer Sprache gehalten, aber die letzte Stunde vom türkischen Pfarrer und Lehrer war auf türkisch. So sprachen wir Kinder mal türkisch, mal rumänisch miteinander. Als ich mich dem Zentrum näherte, sah ich, daß alles geschlossen ist, nur das Café war noch geöffnet. Drinnen saßen meist fremde Leute. Ich konnte nur drei Ada Kaleh-Bewohner ausmachen. Es war ein seltsames Gefühl, alles geschlossen zu sehen, die Buchhandlung, die Post, das Lebensmittelgeschäft, die Bäckerei, die Textilfabrik, die kleine Tabakfabrik, in welcher mein Vater der Hauptbuchhalter war. Ich vermisste in der Strasse auch den Duft von Rahat und Suciuk. Alles wirkte wie ausgestorben, nur die Fremden saßen da, derer Arbeit war, aus unserem Leben die Vergangenheit zu machen. 

     
Die Tabakfabrik erinnerte mich an das gesellschaftliche Leben, denn dahinter efand sich das Kino. Vor dem Kinobesuch war es üblich im Park zu flanieren. Mein Opa grüsste alle Leute mit dem höflichen Türischen Gruss: „aksam seriflerimis hayrolsum“... Gut dass die Filme erst Abends gezeigt wurden, denn Strom wurde uns nur vom späten Nachmittag bis elf Uhr Nachts von einem Stromgenerator geliefert. Ich muss immer noch lächeln, wenn ich daran denke, wie oft eine ungeplante Pause eingelegt wurde um den gerissen spröden Film wieder zu reparieren. Das war aber eine gute Gelegenheit miteinander zu plaudern, oder im Freien Zigarettepause einzulegen. So kam das gesellschaftliche Leben nie zu kurz. Der Heimweg gestaltete sich oft gespenstig, denn Strassenbeleuchtungen kannten wir nicht. So nahm jeder seine Taschenlampe aus der Tasche und viele kleine Lichter huschten über die Kasamatten. Zu Hause ankommen, wurde die Petrollampe angezündet, damit wir uns zum Schlafen vorbereiten konnten. Die ersten zwei Schuljahre verbrachte ich auf Ada-Kaleh. Nachfolgend ging ich in Timisoara/Temeswar zur Schule. Die Schulferien verbrachte ich jedoch bei meinen Großeltern auf der Insel. Die Frühlingsferien waren immer spannend. Die Donau führte in dieser Jahreszeit immer viel Wasser. Damit erhöhte sich auch der Grundwasserspiegel und füllte viele Gräben, wie z.B. Der Hendekek Graben, mit Wasser. So musste ich einen Umweg ich kauf nehmen, um zu meinen Grosseltern zu gelangen. Der Ramadan, die Ostertage waren voll von Freude. Besonders über die vielen Leckerbissen freute ich mich jedes Jahr. Die Frauen brachten ihre runden Backbleche von einem Meter Durchmesser, auf dem Kopf zum Bäcker. Darauf war mein lieblingsgebäck die „Frauenbrust-Küchlein”. Der Name beschreibt exakt ihr aussehen und oben auf der Mitte trohnte eine Kirsche. Diese leckeren Küchlein wurden mit ohlriechenden Sirup getränkt. Diese Süßigkeit war einer meiner Favoriten worauf ich mich jedes Jahr freute. 

   
Mein Weg führte weiter zum Park. Wo noch riesige Kastanienbäume und
Johannesbrotbäume standen, war ein Bild der Zerstörung. Überall lagen gefällte
Baumstämme am Boden und die abgesägten Strünke markierten ihren früheren
Standort. Nun wusste ich endgültig, dass es nie mehr ein „nach Hause kommen”
mehr gibt. Ich ging durch den Park der gar keiner mehr war, und kam auf die Seite der Insel, welche dem Serbischen Ufer gegenüber liegt. Ich spazierte dem Ufer entlang. Auch hier wieder Erinnerungen an die Jugenzeit. Meine Cousine und meine Freundinnen spielten hier oft Versteckspiele in den Kasamatten. Wir kletterten auf den Maulbeerbäumen umher, welche aber auch nicht mehr dastanden. Wir sind aber nicht nur rumgeklettert auf den Maulbeerbäumen, wir mussten auch Futter sammeln für unsere Seidenraupen. Beim Miskin Babas Grab, wo sonst immer Kerzen brannten, fand ich nur noch dessen Spuren auf der Erde. Das stimmte mich traurig und gleichzeitig wütend. War er doch unser Schutzheiliger und hat so manchem Inselbewohner aus der Not geholfen, so auch meinem Opa.... Ich hielt das für Entehrung. Ich stand vor dem Haus von Aranka Tante. Sie war die Tochter von Bicsérdi, welcher ein Gründer des rohen Vegetarismus war. Meine Grosseltern folgten auch zehn Jahre lang in ihrer Jugendzeit Bicsérdis Vegetarismus. Der ungarischen Aranka Tantes Mann war Onkel Omer ein Türke. So waren viele Familien von verschiedener Nationalitäten und Religionen auf der Insel. Das Zusammenleben der gemischten Völker und Religionen auf der Insel war sehr harmonisch. So war ein buntes Durcheinander von Sprachen und schon von Kind auf wurden diese Sprachen gesprochen. Politische Richtungen gab es keine man war Inselbewohner. 


Ich atmete wieder einmal den feuchten Geruch der Kasemattenziegel, sie waren die letzten Zeitzeugen, die später unter dem Wasser für immer verstummten. Die Kindheit endete, das Zuhause war weg. Die Insel Ada Kaleh bleibt aber immer in meiner Erinnerung. Trotz aller Traurigkeit bin ich glücklich, dass ich meine Jugend an einem so schönen Ort verbringen durfte. Das kann mir keiner nehmen. 



Lange Zeit lebte die Legende, daß das Minarett wie ein Zeigefinger aus den Fluten ragte, und damit an die Insel erinnert. Wie aber auf dem Foto zu sehen ist, wurde es vor der Überflutung zerstört. Wo sind wohl jetzt seine Steine?







Die Photos findet Mann hier:



Übersetzt von: Adele Geafer Gülşen

1 comment:

  1. Sehr interessant - und unglaublich schade um die Insel. Ich hatte noch nie von ihr gehört.

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